
Susanne Gogas Spezialgebiet sind Krimis. Historische Krimis. Und einer ihrer Protagonisten ist Kriminalkommissar Leo Wechsler, ein alleinerziehender Vater, der mit seiner Schwester zusammenlebt. Ungewöhnlich für die damalige Zeit, denn Wechsler ermittelt im Berlin der 1920er-Jahre.
Wie kam Susanne Goga auf die Idee für diese Figur? Und woher wusste sie, wie die Polizeiarbeit vor 100 Jahren lief? Damals noch ohne Handy und ohne DNA-Analyse. Dies sind nur einige der Fragen, die bei den Teilnehmenden unseres Deutsch-Kommunikationstrainings unter der Leitung von Ansgar Fabri auftraten, als sie über Susanne Goga und ihre Romane recherchierten.



Die Autorin, die nicht nur eigene Bücher schreibt, sondern auch schon rund 100 Romane, Kurzgeschichten und Sachbücher aus dem Englischen und Französischen ins Deutsche übersetzt hat, stand unseren Teilnehmenden gerne für ein Interview zur Verfügung.
Im Folgenden erfahrt ihr, wie Leo Wechsler zu seinem Lebenslauf kam, was Susanne Goga über den Einsatz von ChatGPT in der Literatur denkt und ob sie mit dem Gedanken spielt, einen Krimi in Düsseldorf handeln zu lassen.
Wie kam es dazu, dass Leo Wechsler Kriminalpolizist ist?
Ich würde die Frage vielleicht umgekehrt stellen. Wie kam es, dass mein Kriminalpolizist so geworden ist wie Leo Wechsler? Meine Grundidee war, dass ich keinen „einsamen Wolf“ als Ermittler haben wollte, der abends allein in der Kneipe sitzt und sich betrinkt. Er sollte eine Familie haben, aber ich wollte es ihm auch nicht zu leichtmachen. Und es sollte auch Raum für Entwicklungen sein, weil ich von Anfang an gern eine Serie schreiben wollte. Da bin ich auf die Idee gekommen, ihn als alleinerziehenden Vater darzustellen, der mit seiner Schwester zusammenlebt. Und zwischen den beiden gibt es einige Konflikte. Das fand ich spannend.
Hast Du Kontakt zur Polizei bzw. Kripo aufgenommen, um für Deine Figur zu recherchieren?
Die Kriminalpolizei arbeitet heute natürlich anders als vor 100 Jahren. Beispielsweise gab es damals noch keine DNA-Analyse. Ich bin allerdings mehrfach in Berlin in der Polizeihistorischen Sammlung gewesen, das ist ein interessantes kleines Museum im Polizeipräsidium. Und dort habe ich auch öfter hingeschrieben, wenn ich bei einer Frage nicht weiterkam. Einmal wollte ich wissen, wie ein Polizist am Tatort Verstärkung rufen konnte. Es gab ja keine Funkgeräte oder Handys. Man erklärte mir, dass die Polizisten mit einer lauten Pfeife ausgestattet waren, mit der sie ihre Kollegen herbeirufen konnten.
Generell bitte ich aber oft Expert*innen um Rat, ob es nun um Gifte, Stadtpläne oder juristische Fragen geht.
Was war Dein Lieblingsbuch, das Du übersetzt hast?
Da fallen mir spontan zwei Bücher ein: Die Liebe in diesen Zeiten von Chris Cleave und Kreise ziehen von Maggie Shipstead. Beide sind Romane, die ich nicht nur sehr gern übersetzt habe, sondern die mir auch als Leserin richtig gut gefallen.
Von welchem Buch, das es bereits gibt, wärst Du gerne die Autorin gewesen?
Das ist eine ziemlich schwere Frage. Es gibt so viele tolle Bücher, die ich in meinem Leben gelesen habe. Aber zwei, die mir besonders am Herzen liegen, sind Fabian oder Der Gang vor die Hunde von Erich Kästner und Kleiner Mann – was nun? von Hans Fallada. Und ich hätte gerne die Romane von Irmgard Keun geschrieben. Ich habe alle ihre Bücher gelesen und finde sie ganz wunderbar.
Woher holst Du Deine Inspiration?
Inspiration holte ich mir an ganz vielen Stellen: Filme, Bücher, alte Fotos, Reisen, Dokumentationen im Fernsehen und in letzter Zeit auch im Theater. Ich gehe sehr gern in Düsseldorf ins Theater und setze mich auch tagsüber schon einmal dorthin, um zu schreiben. Das ist ein sehr inspirierender Ort. Natürlich können mich auch Menschen inspirieren, die ich persönlich kenne oder die mir in Filmen oder Büchern begegnen.
Wie siehst Du die Rolle von ChatGPT in Bezug auf Literatur? Besteht Deiner Meinung nach eine Gefahr für die Literaturwelt?
Ja, ich sehe da durchaus eine Gefahr, und es wird in der Buchbranche auch stark diskutiert. Schon jetzt werden E-Books mit ChatGPT oder ähnlichen Programmen erstellt und dann online verkauft. Wenn man anfängt zu lesen, merkt man sehr schnell, dass der Roman nicht von einem Menschen, sondern von einer Maschine erdacht wurde. Aber dann hat man das Geld dafür schon ausgegeben. Ich bin nicht generell gegen KI, wenn sie als sinnvolles Hilfsmittel dient. Aber sie kann die kreative Arbeit von Menschen nicht ersetzen.
Was liest Du zurzeit?
Ich lese gerade einen historischen Krimi, der im England des 18. Jahrhunderts spielt. Es ist der vierte Teil einer Serie, die ich sehr mag. Die Autorin heißt Antonia Hodgson. Ich lese eigentlich keine zeitgenössischen Krimis, aber historische mag ich ganz gern, wenn mich die Zeit oder das Thema interessiert.
Deine Geschichten spielen häufig in anderen Städten. Könntest Du Dir vorstellen eine Geschichte in Düsseldorf spielen zu lassen?
Dann verrate ich euch was: Ich schreibe gerade einen Roman, der 1919, also unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, im Rheinland spielt. Und der wichtigste Schauplatz ist tatsächlich Düsseldorf. Seit ich angefangen habe, in der Stadt zu recherchieren, entdecke ich sie ganz neu für mich. Das ist sehr spannend und macht viel Spaß.
An welchem Ort dieser Welt würdest Du gerne eine Lesung veranstalten?
Im Düsseldorfer Schauspielhaus. Da bin ich so oft, als Zuschauerin und zum Schreiben und um Leute zu treffen, dass ich dort sehr gerne einmal aus einem meiner Bücher lesen würde.
Was würdest Du jungen Autoren und Autorinnen empfehlen?
Es ist sehr wichtig, sich mit anderen auszutauschen, entweder in Schreibgruppen oder bei Stammtischen oder natürlich auch online. Auf Instagram Büchermenschen zu folgen, die euch interessieren, ihre Posts auch mal zu kommentieren oder Fragen stellen. Wenn es euch mit dem Schreiben wirklich ernst ist und ihr vielleicht sogar schon ein konkretes Projekt habt, ist es auch eine gute Idee, euch an eine Agentur zu wenden. Dort bekommt ihr eine ehrliche Meinung, und falls man euer Projekt für gut hält, kann die Agentur versuchen, einen Verlag dafür zu finden. Und zuletzt natürlich lesen, lesen, lesen. Schreiben lernt man auch durch Lesen, das ist jedenfalls meine Erfahrung.
Fotos: © VHS Düsseldorf, Ansgar Fabri