Anlässlich des Welttages der Alphabetisierung haben wir unserer langjährigen unsere Dozentin einige fragen gestellt. Kerstin Kant ist bei uns im Bereich Alphabetisierung – Deutsch als Fremdsprache tätig.

Kerstin Kant, Dozentin im Alphabetisierungsbereich.

Wie sind Sie Dozentin für Alphabetisierung geworden?   

Das ist eine gute Frage 😉 Ich muss etwas weiter in der Zeit zurückgehen. Ich begann bereits 2006 bei der ehemaligen RAA (Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien) Düsseldorf mit einer Art Integrationsarbeit. Ich kam eher zufällig zu meiner Arbeit. Ich studierte Orientalistik und Philosophie als ich eine Anzeige in die Hände bekam, in der Menschen gesucht wurden, um Vorschulkindern spielerisch Deutsch zu vermitteln. Meine Arbeit begann an der Ferdinand-Heye-Grundschule Düsseldorf, an der ich bis circa 2016 blieb. 

Zwei Jahre später fragte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, ob ich mir vorstellen könne die Mütter der aktuellen und zukünftigen Kinder in Deutsch zu unterweisen. So hat meine Arbeit begonnen. Während dieser Zeit stellte ich fest, dass die meisten dieser Frauen kaum lesen und schreiben konnten. Zum Teil waren sie in beiden Sprachen Analphabeten. Sie lebten bereits jahrelang in Deutschland. 

Diese Erfahrung machte ich auch schon Jahre zuvor während meiner medizinischen Laufbahn. Ich war ungefähr 10 Jahre in der Medizin tätig und studierte, nachdem ich in Westdeutschland mein Abitur nachgemacht hatte, noch zwei Jahre Medizin. Während meiner Arbeit auf den Stationen sowie in der nächtlichen Ambulanz kam ich immer wieder mit Menschen, vor allem aber mit Frauen in Berührung, die nicht in der Lage waren, ihren eigenen Namen zu schreiben, geschweige denn irgendetwas lesen zu können. 

Aus den niederschwelligen Frauenkursen wurden Integrationskurse für Frauen. Das Konzept bestand darin, die Frauen/Mütter direkt mit Einschulung der Kinder parallel im gleichen Haus zu beschulen. Und während dieser Zeit kamen immer wieder Mütter dazu, die des Schreibens und Lesens nicht oder nur rudimentär mächtig waren. Für mich war es somit eine logische Konsequenz auch die Zulassung für Alphabetisierung zu machen und in die Alphabetisierung zu gehen. 

Wir waren bereits zum damaligen Zeitpunkt mit dem Frauenintegrationskurs an der VHS Düsseldorf. Ich übernahm dann einen Alphabetisierungskurs und konnte auf diese Weise daran mitwirken, Menschen zu alphabetisieren. Mir persönlich ist die Alphabetisierung ein sehr großes Anliegen. Schreiben und lesen zu können, ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt der Menschenwürde. Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich mit der Selbstverständlichkeit von Bildung aufwachsen durfte.

Wie geht die Gesellschaft mit Analphabetinnen und Analphabeten um? 

Diese Frage kann ich nicht aus eigener Erfahrung beantworten. Ich bin glücklicherweise keine Analphabetin. Bis zum Zeitpunkt meiner Begegnungen mit nicht alphabetisierten Menschen kam mir nicht in den Sinn, dass wir selbst in Deutschland so unfassbar viele funktionale Analphabeten haben. 

Wir müssen nicht in die Migration sehen, um Analphabeten zu suchen. Wir haben eine Schulpflicht und dennoch fallen Menschen hierzulande durch das Bildungsraster. Ich kann darüber nur mein Unverständnis ausdrücken.

In meinem ersten Alphabetisierungskurs saß ein Mann aus Marokko. Er war noch jung und deshalb war es für mich umso überraschender, dass er nicht schreiben und lesen konnte. Er wollte aber unbedingt lesen können. Eines Tages kam ich in den Kurs und musste mich mal kurz sammeln. Er saß dort mit einer richtigen Zeitung und las. Er versuchte sich an den Überschriften. Und er war so stolz darauf, dass er das, was er las, auch verstehen konnte. Für mich war das ein unglaublicher Moment. Und diese Momente wiederholen sich in jedem Kurs immer und immer wieder. Bis heute berührt mich jeder noch so kleine Fortschritt, den ein Mensch auf den Weg in seine neue Welt macht. 

Solche Momente sind es, die im Vordergrund stehen sollten, damit immer wieder deutlich wird, dass es nach wie vor nicht selbstverständlich ist eine Schule besuchen zu dürfen. Vielleicht entwickelt sich dadurch auch mehr Akzeptanz und Empathie den Menschen gegenüber, die dieses aus meiner Sicht für das 21. Jahrhundert eigentlich Selbstverständliche eben nicht erfahren dürfen. 

Wie läuft eine Alphabetisierung ab? 

Bevor man jemanden alphabetisieren kann, stuft man die Person mittels eines Testes ein. Im Fall der Integrationskurse steht dafür ein ausgearbeiteter Test des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zur Verfügung. Dieser dient dazu die Teilnehmenden einzuordnen, um dann die richtige Herangehensweise wählen zu können.

Wenn die Einstufung erfolgt ist, beginnt die eigentliche Arbeit der Alphabetisierung. Doch im Grundsatz bleibt es nicht bei Buchstaben, Silben, Wörtern und Sätzen etc. Ein großer Teil der Arbeit ist der Mensch, seine Würde, sein Ankommen. Man kann nicht alphabetisieren ohne den gesamten Menschen und seine Bedürfnisse, Sorgen, Ängste, Erfahrungen und Wünsche im Blick zu haben. 

Hier spielt auch die soziale Struktur im Kurs eine sehr wichtige Rolle. Und für mich war es immer selbstredend, dass miteinander auf Augenhöhe zu arbeiten sehr entscheidend dafür ist, ob man gemeinsam vorankommt oder eben nicht. Hinzukommt, dass die Menschen auf ihre Art Wissen erlangt haben. Dieses Wissen mag nicht unseren erlernten Strukturen entsprechen, aber sie sind ja bis zu diesem Zeitpunkt ebenfalls durchs Leben gekommen. 

Sie haben eben nur durch das Sehen, Hören, Ausprobieren und Machen gelernt. Deshalb ist es mir wichtig, all ihre Kenntnisse und Erfahrungen mit einzubinden. Das ist auch für mich sehr viel spannender, da ich auf diese Weise einiges über meine Teilnehmenden erfahre und diese Erkenntnisse mit in den Unterricht einbinden kann. 

Wenn das Alphabet erlernt wurde und Silben, Wörter und einfache Sätze gelesen werden können, beginnt so allmählich der grammatikalische Prozess. Das erfordert eine Lernstruktur. Das Lernen erlernen muss in den Unterricht mit einfließen. Denn das ist definitiv keine Selbstverständlichkeit. Außerdem wird zu Hause oft nicht Deutsch gesprochen , geschweige denn besteht die Möglichkeit, das Erlernte nachzuarbeiten. Hier spielt auch die aktuelle Wohnsituation eine Rolle. Aber auch, ob ein Mensch in einer Familienstruktur lebt oder allein und ohne Familie nach Deutschland gekommen ist.

Spiele und die praktische Umsetzung im Alltag sind in der Alphabetisierung sehr wichtig. Dazu gehört es eben auch alles so anschaulich wie möglich zu machen. Und das ist auch das, was ich anfänglich mit dem Abholen, wo die Teilnehmenden mit ihrem Wissen stehen, meinte. Jeder Mensch bringt ein gewisses Maß an Erfahrungen und Interessen mit. Diese können mit in den Unterricht einfließen. Sie fördern und stärken, meinen inzwischen langjährigen Erfahrungen nach, die bereits vorhandenen neuronalen Strukturen und schon aufgebauten Kompetenzen. 

Wenn die Alphabetisierung erfolgt ist, beginnt der eigentliche Prozess der Sprache. Ich persönlich lege allerdings Wert darauf, dass bereits mit der Alphabetisierung auch schon ein Grundvokabular angelegt wird. Hören und Sprechen sind zwei unabdingbare Kernkompetenzen. Gerade das Hörverstehen ist immer wieder ein Problem beim Erlernen der Schrift. Beispielsweise werden Vokale nicht gehört, was auch der Muttersprache geschuldet ist, da es in der arabischen Sprache beispielsweise kein e und kein o gibt oder aber am Wortende findet sich kein -en wieder, sondern ein a. An den einfachen Beispielen Vater oder Mutter zeigt sich das sehr deutlich. Es wird dann eben „Vata oder Mutta“ gehört. Auch die Buchstaben B und P oder F, V, W finden nicht immer ihren richtigen Platz in der Schriftsprache. Immer wiederkehrende Probleme finden sich auch in „Sp und St“. Geschrieben wird dann „Schport oder Schtul, statt Sport oder Stuhl. Es gibt viele Buchstabenbeispiele, die deutlich machen, wie wichtig Hörverstehen und Aussprache sind. 

Zusammenfassend erklärt bedeutet das, dass Hören, Lesen, Schreiben, Sprechen und die direkte Anwendung unabdingbar zusammengehören. Deshalb gehe ich mit meinen Teilnehmenden auch in den direkt möglichen Alltag, damit sie das, was sie im Unterricht an Wissen erworben haben in der Praxis umsetzen lernen. 

Beispielsweise gehen wir dafür in einen Supermarkt. Die Teilnehmenden müssen Preise und Verpackungen lesen und verstehen. Oder wir lesen Straßenschilder, Fahrpläne am Hauptbahnhof. Später lernen wir, wie man sich die verschiedenen Tickets am Automaten ziehen kann. All diese Fähigkeiten benötigen die Schriftsprache und das Leseverständnis. 

Was würden Sie einer Person die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat raten? 

Üben, üben, üben und ganz viel Geduld und Selbstvertrauen. Manches braucht seine Zeit. Sie soll keine Angst davor haben, um Hilfe zu bitten. Ich weiß, dass dies schwierig ist, aber es ist notwendig. Allerdings setzt ein solcher Rat ein tiefes Vertrauen und Empathie für die Situation des zu Alphabetisierenden voraus, sowie den Wunsch schreiben und lesen können zu wollen. 

Ich würde niemals einfach so einen Rat erteilen, wenn ich nicht darum gebeten werden würde. Menschen, die nicht alphabetisiert sind, müssen erst einmal genügend Selbstvertrauen entwickeln, um sich an eine andere Person zu wenden. Sie sind an diesem Punkt sehr verletzbar. 

Im Fall der Integrationskurse allerdings werden die späteren Teilnehmenden ja verpflichtet in einen Integrationskurs zu gehen. Sie können sich das nicht wirklich aussuchen. Umso wichtiger ist es ihnen subtil die Vorteile des Schreibens und Lesens zu verdeutlichen, da sie über einen langen Zeitraum ohne beides zurechtgekommen waren. 

Ich kann einem Menschen, der nicht schreiben und lesen kann anhand eines solchen Beispiels immer nur ans Herz legen, sich die Möglichkeit zu suchen es zu lernen. Egal, wie beschämt man sich fühlt oder wie viel Angst man davor hat sich zu outen. 

Es ist heute nahezu unmöglich ohne Schreiben und Lesen auszukommen. Wir leben in einem Land voller Formulare. Ständig muss man etwas ausfüllen oder lesen. Die Straßen haben Schilder, die Post muss gelesen werden, Fristen eingehalten, die Kinder in Kindergärten und Schulen angemeldet werden, Putzmittel sind nicht mehr nur einfache Putzmittel, die bei falscher Anwendung einfach Puff machen. 

Straßenbahnen, Züge und diverse andere Fahrzeuge haben Fahrpläne, die gelesen werden wollen. Wenn man etwas essen möchte, muss man verstehen, was auf den Karten und Verpackungen steht, wenn man nicht, sofern man beispielsweise Allergiker ist, nach dem Essen direkt einen Notarzt rufen lassen möchte. 

Was sind die Herausforderungen für Menschen, die noch nie gelesen oder geschrieben haben?

Wie zuvor beschrieben, ist man immer abhängig von anderen Menschen. Man ist stets eingeschränkt im eigenen Handeln und Denken. 

Es gibt immer etwas zu lesen oder zu schreiben, aber es braucht Vertraute, die dann unterstützend zur Seite stehen. Erzählungen nach entwickeln Menschen, die nicht schreiben und lesen können Mechanismen, um nicht aufzufallen. Die Lesebrille wird dann immer vergessen oder man hat gerade keine Zeit, um mal eben zu lesen und bittet andere Menschen, dies zu tun. 

Wie bereits erwähnt, gibt es in der westlichen Welt zumindest kaum eine Möglichkeit seinen Alltag zu bewältigen, ohne nicht irgendwann in die Situation zu kommen, schreiben und lesen zu müssen. Aber diese Frage sollten besser Menschen beantworten, die in einer solchen Situation sind. Ich kann dies nur aus einem Hörensagen heraus beantworten. 

Kerstin Kant 
Dozentin Alphabetisierung Deutsch als Fremdsprache

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