Abschied nehmen. Die Abteilung Schulische Weiterbildung der VHS Düsseldorf, Franklinstraße 41 – 43, zieht um. Ab 20. April 2019 werden wir hier nicht mehr unterrichten, denken, lernen, lehren, beraten, motivieren, schreiben, lesen, sprechen, lachen…

Das letzte Tafelbild in der Franklinstraße.

Das Haus, das seit Mitte der 1980er Jahre unter dem Namen „VHS-Haus“ Anlaufstelle, Bildungsort, ja auch ein Bisschen „Heimat“ für Tausende Menschen , die als Erwachsene einen Schulabschluss erreichen oder nachholen wollten, war, wurde verkauft – wir, die Unterrichtenden und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, beziehen ein neues Domizil in Düsseldorf am Campus Golzheim, auf der Georg-Glock-Straße.

„Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere.“, so formulierte der französische Schriftsteller André Gide. Jedoch ist das endgültige Schließen einer Tür in einem Gebäude, in dem man tagaus – tagein gerne gearbeitet hat, zunächst sehr traurig. Es heißt, Abschied nehmen vom VHS-Haus. Das VHS-Haus, das alt-ehrwürdige Schulgebäude aus dem Jahr 1911, ist mit meinem Berufsleben seit 1982 verbunden. Hier unterrichtete ich im Abendbereich Deutsch und Geschichte/ Politik für motivierte (und manchmal auch schwer zu motivierende…) Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die die Fachoberschulreife erwerben wollten. Ende der 1980er Jahre kam die Festanstellung als Weiterbildungslehrerin – welch eine Freude im Haus für mich und viele meiner Kollegen und Kolleginnen! Im Jahr 2000 bezog ich als stellvertretende Leiterin der Schulischen Weiterbildung bei der VHS ein Büro im Erdgeschoss.

Im Rückblick auf diese 38 Jahre meiner Tätigkeit im VHS-Haus erinnere ich viele wunderbare Ereignisse und Momente: Viele Feste mit Zeugnisausgaben und mit viel Freude der Teilnehmerinnen und Teilnehmer über ihre Erfolge wurden gefeiert. Schön war es immer, ob im Unterricht oder bei Prüfungen oder bei Abschlussfesten auf dem Hof oder in der Aula das Glück über ein Gelingen zu erleben: Sei es eine Aufgabe, eine Prüfung oder eben der endlich erreichte Schulabschluss. Im VHS-Haus waren Lehren und Lernen  immer lebendig – außergewöhnliche Kunst- oder  geschichtlich-politische Projekte wurden durchgeführt wie  „Heimat“, „Gegen Diskriminierung und Rassismus“, Thementage zum Internationalen Frauentag jeweils im März. Theateraufführungen und Lesungen  wurden mit und für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer organisiert. Im Literatur-Café wurde literarisch an eigenen Texten gearbeitet; das Haus-Kino bot Filmfans gute Kost in Kino-Atmosphäre. Höhepunkte im VHS-Haus waren sicherlich drei Jubiläumsfeiern: Gefeiert wurde mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern, geladenen Gästen und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei Aktionen, buntem Programm und wohlwollenden Reden „25 Jahre“  – „40 Jahre“  und 2018 „50 Jahre“ Schulische Weiterbildung der VHS Düsseldorf. Stolz waren wir auf unsere Arbeit – stolz auch darauf, in diesen schönen charmanten Mauern arbeiten zu dürfen. 

Doch es gibt auch Geschichten zu und in diesem Haus, die betrüben: Es gibt Geschichten des Scheiterns – nicht alle haben Erfolg gehabt in diesem Haus. Wir haben von schweren Schicksalen einiger Teilnehmerinnen und Teilnehmern erfahren – und nicht immer konnten wir gänzlich helfen. Wir haben Kolleginnen und Kollegen für immer verabschieden müssen.

Das Haus selbst könnte viele, viele Geschichten mehr erzählen: Schulgeschichten aus den Zeiten des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik; oder vom  erschütternden Ereignis zum Ende der Nazi-Zeit berichten, als im Januar 1945 nach einem Luftangriff mehr als 100  Zwangsarbeiter und Anwohner der Franklinstraße im Keller des Gebäudes ums Leben gekommen sind. Nun steht das Haus leer. Niemand läuft über die Flure, lernt, stellt Fragen, grübelt und gibt auf einmal eine wunderbare Antwort – niemand unterrichtet, berät, stellt Bescheinigungen aus, telefoniert, führt Gespräche. Was man nun sieht, sind verlassene Unterrichtsräume, leere Vitrinen, Pflanzenreste; Container, Kartons und Kisten auf dem Hof, in den Fluren, in den Büros; Manchmal erblickt man Kolleginnen und Kollegen beim Reste packen – und Abschied nehmen. Das Haus ist ein verwaister Lern-Ort. Und mir und meinen Kolleginnen und Kollegen fällt der Abschied schwer.

Und dennoch – „Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere.“, so formulierte André Gide. Ab 20. April 2020 werden wir – so Corona will – den Unterricht wieder aufnehmen in den neuen Räumen – am Campus Georg-Glock-Straße 15. Hier werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Flure und renovierten Unterrichtsräume bevölkern, wir Kolleginnen und Kollegen werden im neuen Haus andere Möglichkeiten entdecken für ein Fortführen des guten miteinander Arbeitens. Es wird sich mit der Öffnung anderer Türen Neues, zunächst vielleicht Ungewohntes, dann sicher Spannendes und Zukunftweisendes ergeben. 

Regina Wilhelm-Rath 
stellv. Abteilungsleiterin der Schulischen Weiterbildung                                                                               

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